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Berichte

30.09.2008 Alter: 9 Jahre 26.-28.09.2008 - Deutsche Meisterschaft AC

VON: SVEN-OLAF JUNG

Dabei sein ist alles - oder: Über das Phänomen, dass man seinen Lift vergisst, sobald man den Platz betritt.











Als ich meine Reise nach Wachenheim antrat um die Fahne des wohl jüngsten deutschen Krocketclubs des Jahres 2008 zu repräsentieren, tat ich es in einem geliehenem Auto (die Info braucht ihr später noch) und dem Wissen eines jungen, unerschrockenen Ritters, mit vielen "blauen Flecken" und Blessuren aus der Arena heraus, auf den Boden der nackten Tatsachen geschossen zu werden. War doch da die allzu deutliche Erinnerung an die Nackenschläge des Vorjahres. Damals, bei meinem ersten mutigen Auftritt auf der deutschen AC-Bühne im Jahre 2007, kannte ich noch nicht das komplette Regelwerk und erntete unverständliches Kopfschütteln. Lange Zeit war mir nicht klar warum - bis ich nach beflissentlichem Übergehen meiner Lifts, vorsichtig von Felicitas darauf aufmerksam gemacht wurde. Das war er. Der Moment, in dem ich Farbe bekennen musste. Mein Bluff dieses Spiel zu können ist bereits nach wenigen Schlägen enttarnt worden und ich kam nicht umhin sie zu fragen, was das wohl sei ... kannte ich diesen Begriff doch bislang nur aus dem Reich der Getränkeindustrie. Aber hey, das war im vergangenen Jahr!


Selbstverständlich hatte ich mich auf das Turnier 2008 konsequent vorbereitet. Ich war im theoretischen Trainingslager und habe den Schiedsrichterlehrgang AC besucht - die ideale Gelegenheit, das komplexe Regelwerk im Rahmen vieler Wissender einleuchtend erklärt zu bekommen - und, soweit die Materie verstanden war, konnte das ab jetzt auch nicht mehr schwierig zu spielen sein - denn die Spielzüge am Reißbrett waren logisch und kinderleicht! Dazu kam mein Trainingseifer. Ich hatte mich mindestens 2x(!) vor Einbruch der Dunkelheit aus meinem Büro loseisen können und mit Gisela Büse in Bonn geübt. Damit sollte auch konditionell nichts mehr schief gehen.


Tag 1, der Freitag, begann für mich mit dem Doppelturnier. Michael Scholl, mein Doppel-Partner, legte eine stoische Ruhe an den Tag, die mich sehr von der anfänglichen Nervosität ablenkte (immerhin beginnt man als Einsteiger schon einmal darüber zu sinieren, dass man sich hier in Wachenheim inmitten der deutschen AC-Elite befindet). Er gab mir stets die Sicherheit, einen "gar nicht so üblen Schlag" gemacht gemacht zu haben - selbst dann, wenn ich unsere beiden Kugeln nicht nur in eine schier aussichtslose Situation gebracht, sondern sie zudem noch dem gegnerischen Doppel zum guten Aufbau eines Spiels vorgelegt hatte. Bitte,  gern geschehen. Danke Michael!


Danach begann mein stolzer Kampf gegen mich und die Elemente. Allein auf weiter Flur musste ich mich desöfteren beeindruckt zeigen, von den Situationen, die mir meine Spielpartner auf dem Platz zurückließen. Ich entschied mich lange Zeit für die 1-Schlag-Strategie: 30 Meter über den Platz peilen, beherzt zuschlagen - und 20 cm vorbeischießen. Diese Strategie verspricht schnelle Wechsel auf dem Platz und macht den Gegner mürbe - kommt er doch noch nicht einmal dazu, einen Schluck Wasser zu trinken oder einen Bissen von seiner Banane zu essen. Diesmal war es Martin, der ein Mitleid mit mir hatte und mir, nach mehrmaligem Auslassen meines Lifts, beim Verlassen des Platzes einen Tip in diese Richtung gab. Yes! Ich hatte einen Lift! Meine Chance, das Spiel nun herumzureißen! Spontan hatte ich die von mir favorisierte Kugel in die Hand genommen, als ich feststellte, dass die Distanz von der Baulkline zum Ziel nur etwa 10 Meter länger war, als der Schlag, den ich vom Platz aus hätte spielen können. Trotzdem: Lift ist Lift, 20 Meter zielen, beherzt zuschlagen - und nur 10 cm vorbeischlagen.
Und so ähnelten sich die Spiele, doch das Problem blieb: Ich war mit dem Spiel und dem Reglement derart überfordert, dass ich keine Möglichkeit ausließ, meine Lifts zu vergessen. Witzig ist: Man sitzt an der Außenlinie, betrachtet das Spiel seines Gegners und erkennt folgerichtig: Gleich hast du einen Lift. Man sitzt also weiter an der Außenlinie - Lift, Lift, Lift ..., der Gegner patzt, man steht auf ... Lift, Lift ... betritt den Platz und ... oh Gott, was soll ich aus dieser Situation nur spielen? Es fallen einem die dollsten und aberwitzigsten Spielzüge ein (mit und ohne Bande) - aber nicht der Lift.
Immerhin steigerten sich meine Ergebnisse: Ließ mir Martin noch ein Ehrentor, so hatte ich gegen Bruno bereits eine 100-prozentige Steigerung und ließ mich nur zu 2 vom Platz fegen. Immerhin musste er ganz schön schwitzen, denn meine 1-Schlag-Strategie zeigt bei 30 °C dann doch irgendwann ihre Wirkung.


Tag 2, der Samstag, war ein außergewöhnlicher Tag. Ihr erinnert euch sicherlich, dass ich anfangs von einem geliehenen Auto sprach - ohne Navi...
Dieser Umstand wäre niemals wichtig geworden, wenn das komplette Turnier in Wachenheim gespielt worden wäre. Denn den Weg nach Wachenheim kannte ich ja schon vom Vorjahr. Naiv bin ich davon ausgegangen, dass es seitens der Turnierleitung eine Wegbeschreibung nach Biblis, dem zweiten Austragungsort, gäbe. Oder besser, einen einheimischen Krocketspieler, der mich am nächsten Tag auf diese herrliche Anlage lotst. Aber, es kam wie immer nach Murphy's Gesetz: Eben genau anders. Während des Abendessens teilte mir Bruno mit, dass ich am kommenden Morgen auf mich allein gestellt nach Biblis reisen müsste. Das allein schien mir nicht wirklich bedenklich, überreichte er mir doch für diese Anreise seinen privaten Autoatlas, den er aus dem Handschuhfach zauberte.


Ich machte mich also in meinem geliehenden Fahrzeug ohne Navi - aber mit Brunos Atlas auf den Weg nach Biblis. Laut Karte ganz einfach. Rauf auf die A650, ab Kreuz Mutterstadt die A61 hoch bis zum Kreuz Frankenthal und dann auf der A6 rüber bis Lampertheim und von dort auf die B44 bis Biblis. Die Autobahnen waren kein Problem, hatten sie sich doch in den vergangenen 36 Jahren kaum verändert. Nein, das ist nicht die Zeit meines Führescheinbesitzes. Ich bin 38 Jahre und darf seit 1989 mit Kraftfahrzeugen auf europas Straßen unterwegs sein. Nein, es ist das biblische Alter Brunos Karte. Nennen wir es ein Gemälde der Zeit kurz nach der Entstehung meiner Welt. Zumindest nach dem Umbau der B44.


Aber ich habe die Anlage gefunden. Etwas später zwar als von der Turnierleitung kalkuliert aber dafür sind meine Spiele ja auch schneller fertig. Und lasst Euch berichten: Die Anlage inmitten eines Golfplatzes ist ein Traum. Ich traute mich erst nicht so recht, dieses heilige Green zu betreten aber nachdem mein Spielpartner Tom damit begann Tore in diesen nahtlosen Veloursteppich zu schlagen, tat ich erste Schritte - nur um zu spüren, wie es sich wohl anfühlt. Und es präsentierte sich als das perfekteste Stück Rasen, das ich jemals betreten durfte. Mit allen Nachteilen. Keine Bodenwellen, keine Rasenunebenheiten. Nichts. Du machst alle Fehler selber! Aber, meine Spielerfolge wurden von Spiel zu Spiel besser, hat dieser Rasen doch Referenzcharakter. Gleicher Schlag - gleiches Ergebnis. Herrlich. Am Ende dieses Tages war ich stolz, denn mit jedem Spiel verdoppelte sich die Zahl meiner erzielten Treffer. Doch ein Problem blieb auch über den abschließenden Sonntag konstant: Die Anzahl der vergessenen Lifts.


Am Ende des Turnieres reichte es doch immerhin für den siebten Platz. Hatte ich erwähnt, wie viele Spieler noch im Verleich waren? Nun ja, vielleicht nicht ganz so viele wie im vergangenen Jahr. Aber immerhin, siebter Platz. ;-)


Ja, es war ein wundervolles Wochendene und ja, ich bin wieder mit einer zerbeulten Rüstung nach Hause ins Kannenbäcker Land gefahren, in den jüngsten Krocketclub des Jahres 2008 um meinen Mitstreitern von diesem Ausritt zu berichten. Doch mein Entschluss steht fest. Ich werde auch 2009 wieder auf mein Ross steigen (mit Navi) und stolz gen Wachenheim reiten, die Ehre der Meinen zu vertreten und so kann ich schon heute meine Ziele für die DM 2009 aus dem Gesetz der Folge klar stecken:


Spiel 1: Ich möchte meine Lifts nicht mehr vergessen!
Spiel 2: Ich möchte meine maximale Torzahl von 10 auf 13 verbessern (50% der zu erreichenden Punkte ist doch bescheiden)
Spiel 3: Ich möchte am Samstag Morgen pünktlich in Biblis sein und daher mit NAVI fahren
Spiel 4: Ich möchte eine zweite Klammer auf die Rückrunde bringen
Spiel 5: Ich möchte einen Distanzschlag spätesens im zweiten Versuch treffen
Spiel 6: Ich werde 26:0 gegen Bruno gewinnen!


Ohne Ziele geht halt nix ;-)
Oder: Dabei sein ist eben doch nicht alles!


Viele lieben Grüße an alle AC-Beginner. Ich will Euch 2009 auf dem Court sehen!